Rue Réaumur und der Bruch mit dem Haussmann-Stil
Der Wandel von Paris zur modernen Großstadt
Mitte des 19. Jahrhunderts wandelt sich das verwinkelte Gassennetz des alten Paris fundamental. Nach Plänen von Napoleon III wurde die Stadt in rund 20 Jahren zu einer modernen Metropole umgestaltet. Verantwortlich für diesen tiefgreifenden Umbau war Georges-Eugène Haussmann. Ernannt als Präfekt verwirklichte er die Visionen des Kaisers. Mit seinem städtebaulichen Konzept prägte er das Stadtbild nachhaltig.
Um Platz für ein neues Straßennetz und Prachtalleen zu schaffen, mussten ganze Viertel weichen. Strenge Vorgaben regelten das Erscheinungsbild der Neubauten: einheitliche Fassaden, klare Dachlinien und heller Kalkstein als Baumaterial. Aufwendige Dekorationen waren nicht vorgesehen. Das Ergebnis war ein harmonisches und elegantes Stadtbild, das bis heute so charakteristisch ist für Paris: breite Boulevards, gleichförmige Gebäudefronten und große Plätze.
Architektonische Vielfalt in der Rue Réaumur
Mit dem Ende des Kaiserreichs verlor Haussmann im späten 19. Jahrhundert sein Amt als Stadtplaner. In den 1880er Jahren lockerten neue Bauvorschriften die bisherigen, strengen Regeln. Besonders entlang der Rue Réaumur im 2. Pariser Arrondissement entstanden nun Bauwerke mit reich verzierten Fassaden, entworfen von kreativen Architekten. Die Hausfronten präsentierten sich abwechslungsreicher und schmuckvoller. Der Einsatz verschiedener Materialien wie Eisen und Glas führte zu außergewöhnlichen Gestaltungsformen. Architektonische Elemente, wie mehrgeschossige Erker, ließen die Fassaden plastischer erscheinen. Die individuelle Bauweise im Jugendstil, der Neogotik und dem Neobarock brachte stilvolle Gebäude hervor.
Um die Vielfalt der Architektur zu fördern, schrieb die Stadt Paris um die Jahrhundertwende jährlich einen Architekturwettbewerb aus. So wurden prägnante Gebäude mit unverwechselbarem Charakter geschaffen.
Moderne Metallfassade im Jugendstil – 124, rue Réaumur
Hervorzuheben ist das Industriegebäude aus dem Jahr 1905 von Georges Chedanne in der 124, rue Réaumur. Der Architekt errichtete eine moderne Fassade aus Metall mit großflächiger Fensterfront im Jugendstil. Sie bildet einen deutlichen Kontrast zum strengen Haussmann-Stil der vergangenen Jahrzehnte, der ausschließlich Steinfassaden vorschrieb.
Üppiger Neobarock – Rue Réaumur / Ecke Boulevard de Sébastopol
An der Rue Réaumur / Ecke Boulevard de Sébastopol errichtete der Architekt Charles Lemaresquier im Jahr 1910 den Hauptsitz des Unternehmers Félix Potin. Das neobarocke Gebäude besticht durch seine opulenten Dekorelemente. Die Fassade ist geschmückt mit Vasen und Girlanden aus Früchten. Eine markante Kuppel krönt das Bauwerk. In Dachhöhe oberhalb der Fenster befinden sich Tafeln, reich verziert wie Medaillons. Ein in der Barockzeit häufig genutztes Dekorelement. Unter den Motiven ist auch der Hermesstab zu sehen – ein Symbol des Handels.
Wo ist die Rue Réaumur in Paris?
Die Rue Réaumur beginnt am Palais Brongniart am Place de la Bourse. Sie verläuft unter dem Viertel Sentier und führt durch das 2. und 3. Arrondissement.
Fotoimpressionen aus der Rue Réaumur